Ausgabe 22 / November 2002

Kurz gefragt

Ratanee Hongchai (der Familienname bedeutet auf Deutsch „siegender Schwan“) stammt aus Loei im Nordosten und hat zwei jüngere Schwestern. Sie kam vor 15 Jahren nach Pattaya und arbeitete in einem einfachen China-Restaurant und in der Krankenpflege. Jetzt ist sie als Hausfrau mit Haus und grossem Garten voll beschäftigt. Ausserdem hilft sie ihrer Schwester bei der Versorgung und Betreuung von zwei kleinen Kindern.

Sie sind kürzlich von einem dreimonatigen Aufenthalt in Deutschland zurückgekehrt. Was haben Sie am meisten vermisst?

Offen gesagt, ich bin lieber in Thailand, bei meinen Angehörigen und Freunden, als in Deutschland. Deutsche, die sich ebenfalls lieber in Thailand aufhalten, werden mir das verzeihen.

Warum sind Sie so lange in Deutschland geblieben, obwohl Sie Thailand so sehr vermisst haben?

Der eigentliche Grund für meinen alljährlichen Flug nach Deutschland ist folgender: Mein Mann hat vor Jahrzehnten einen „Bund für soziale Hilfen“ gegründet, eine gemeinnützige, sehr grosse Hotelanlage erbauen lassen und sich - nach seiner Pensionierung - im Rahmen dieses Bundes für soziale Hilfen mit Entwicklungshilfe in Thailand befasst. Es wurden Werkstätten in Map Ta Phut erbaut, eine Bibliothek in Banglamung usw. Für diesen Bereich habe ich die ehrenamtliche Leitung im Vorstand übernommen. Nun fliege ich jedes Jahr pflichtgemäss zur Mitgliederversammlung des genannten Bundes.

Auf wie viele Aufenthalte in Deutschland können Sie zurückblicken? Was war in all den Jahren Ihr schönstes Erlebnis?

Ich war schon 13 mal in Deutschland. Es gab da viele schöne Eindrücke und Erlebnisse. Insbesondere beim Besuch von Städten und Sehenswürdigkeiten, beim Wandern, beim Treffen mit Freunden, am Lagerfeuer in der Hotelanlage, beim Grillen im Freien, bei gutem Essen und Trinken, Geschichten erzählen in heiterer Stimmung, Singen und Tanzen am Abend.

Hat es ein negatives Erlebnis gegeben, das Sie am liebsten aus Ihrem Gedächtnis streichen würden?

Schlecht ist nur, wenn Kälte, Sturm und Dauerregen ans Haus fesseln. Dann geht die Stimmung Richtung Null, und bei mir wird ein grosses Heimweh unvermeidlich.

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei Deutschen besonders?

Die liebevolle Pflege ihrer Städte, Dörfer und Landschaften, Pünktlichkeit. Gesetzliche Regelungen, die dafür sorgen, dass Kinder versorgt bleiben, auch wenn Familien auseinanderbrechen.

Sie sprechen Deutsch. Wie und wo haben Sie diese Sprache gelernt?

Meine deutschen Sprachkenntnisse und Kenntnisse der deutschen Küche verdanke ich weitgehend einem 15 monatigen Einsatz in unserer Hotelanlage. Die grösste Schwierigkeit, die es dabei zu überwinden galt, war, die Erlaubnis der Behörden - Arbeitsamt, Ausländeramt usw. - zu erhalten. Es fehlte zwar im Hotel sehr an deutschen Arbeitskräften, aber den Einsatz von Ausländern wollte man trotzdem nicht ohne weiteres dulden.

Wie schneidet Deutschland im Vergleich zu Ihrem Heimatland ab? Was kritisieren Sie, was stört Sie, was finden Sie bei den Deutschen besser?

In Thailand finde ich schlecht, dass es keinen spürbaren Zwang für Männer gibt, Sorge für Ehefrau und Kinder zu tragen, wenn die Ehe auseinandergeht und sich der Mann davon macht. Damit werden Frauen und Kinder in eine Notlage gebracht. Die traurigen Auswege, die Frauen dann suchen, sind bekannt. Hier sollte sich viel ändern. Man sollte die Wurzel des Übels erkennen und diese beseitigen, anstatt die traurigen Auswirkungen ändern zu wollen. In Deutschland müssen Männer für die Familie weiter sorgen, auch wenn sie das vielleicht nicht mehr mögen.

Deutschland hat, ebenso wie Thailand, ein grosses Freizeitangebot. Was unternehmen Sie?

Wenn ich in Deutschland bin und zufällig schönes Wetter ist, mache ich gerne Wanderungen durch die schöne Landschaft und die blühenden Wiesen auf der Schwäbischen Alb. Meist ist es aber recht kalt, denn die Hotelanlage liegt in 1.000 Meter Höhe. Da muss ich mich, selbst bei Sonnenschein, warm anziehen. Manchmal bekommen wir auch Besuch von anderen Thaifrauen, die sich in Deutschland niedergelassen haben. Ihre Männer müssen arbeiten, und so können sie noch nicht nach Thailand zurückkehren. Alle, die ich kenne, haben aber diesen Wunsch und leiden unter Heimweh nach Thailand und nach ihren Familien und Freunden.

Bei welcher Gelegenheit haben Sie Ihren Mann kennen gelernt?

Meinen Mann habe ich vor 14 Jahren kennen gelernt. Ich ass gerade eine Suppe im Nudelshop, als er mich höflich ansprach und mir erzählte, er sei zu einer Geburtstagsfeier eingeladen, wolle aber nicht alleine hingehen. Mir war zwar ein wenig unbehaglich zumute, aber schliesslich liess ich mich doch überreden. Diese Entscheidung war, aus heutiger Sicht, gut und richtig. Bereut habe ich es jedenfalls nicht.

Sie leben in Banglamung. Schildern Sie uns Ihren Alltag.

Langeweile kenne ich in Thailand nicht. Ich habe Haus und Garten zu versorgen, koche Deutsch und Thai, je nach Wunsch und Bedarf, pflege regen Kontakt mit meinem Freundeskreis und vor allem mit meinen Familienangehörigen.

Was ist Ihr Lieblingsplatz in Pattaya?

Am liebsten und am häufigsten bin ich zu Hause. Ausgänge in die Stadt, zu irgendwelchen Vergnügungen sind seltener. Schon eher gibt es Treffen mit dem Freundeskreis. Oft finden auch diese an meinem Lieblingsplatz statt, also zu Hause.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Gesundheit für meine Angehörigen, Freunde und mich. Zufriedenheit mit dem, was ich habe. Bleibende Treue.

Was wünschen Sie der Stadt Pattaya und Ihrem Land für die Zukunft?

Ein grosses, sauberes Freizeitangebot für die ganze Familie, saubere Umwelt, klares, sauberes Meer, gepflegte Strände, Parks zum Spazierengehen mit Angehörigen und Freunden sowie sichere Spielplätze für Kinder. Meinem Land wünsche ich ein umfassendes sozi- ales Netz, das echte Notlagen lindert, ohne zum Ausruhen einzuladen.

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