Weihnachten droht...

von Khun Krut

     Junggesellen und Ehemänner suchen krampfhaft nach Vorwänden, um den Fängen und Ansprüchen Verwandter, Bekannter und Angehöriger in Europa, mitsamt unsäglichem Weihnachtsschmalz, zu entfliehen.

     Die letzten Flieger nach Thailand sind längst ausgebucht. Bloß fort von diesem hektisch, sinnentleerten Betrieb, der nur noch den einen Zweck zu haben scheint, den Geschäftsleuten das angeblich dringend benötigte Geld in die Kassen zu spülen.

     Aber auch eine räumliche Entfernung von elftausend Kilometern Luftlinie befreit nicht vom Wunschdenken der gewechselten Umgebung. "Kissmät" (Christmas) schreit es, aus allen Bars, dem hoffentlich freigiebigen Farang entgegen.

     Das Fest der Liebe ist, auch in Pattaya, einer der finanziellen Höhepunkte, eine brauchbare Gelegenheit, Berge unerfüllter materieller Wünsche sichtbar werden lassen. Offene Händchen verweisen dringend auf die Notwendigkeit von Gaben, die offensichtlich zum letzten erkennbaren Sinn dieses Festes wurden.

     Nid kramt Weihnachtsmusik hervor, will sie an der Bar abspielen. Was bedeutet "Macht der Liebe"?, fragt sie Emil. "Christliche Aufgabenteilung", antwortet Emil sarkastisch. "Gott ist die Liebe und die Kirche ist die Macht!". Nid schaut fragend.

     Emil rät, diesen Musikschmalz wegzulassen, der die Leute nur betroffen mache. Nid dagegen meint, ohne die richtige Stimmung würden die Menschen das Schenken vergessen. Dabei schaut sie Emil, mit schräg geneigtem Kopf, fragend an. Emil ist klar, was jetzt gleich kommt und wartet, schicksalergeben, auf Nids Forderungen nach Liebesbeweisen, die sich in Goldbaht ausdrücken lassen. Jetzt gilt es Zeit und Raum zu gewinnen.

     "Geschenke sind nicht Sinn des Festes, sondern Weihnachten ist das Fest der Liebe", sagt Emil.

     "Aber wie willst du mir denn, ohne Geschenke, deine Liebe beweisen?" kontert Nid und schaut, mit spöttisch heruntergezogenen Mundwinkeln, kichernd auf Emils, etwas schwerfällig gewordenen Körper.

     Emil probiert, in fast auswegloser Situation, einen Ausflug in geistige Gefilde. "Erkläre mir den Sinn des Weihnachtsfestes und ich will mir ein kleines Geschenk für dich einfallen lassen" sagt er. "Außerdem, wenn schon Geschenke, wäre dies eine Sache auf Gegenseitigkeit. Was bekomme ich denn von Dir?" will Emil wissen.

     "Der Sinn aller europäischen Feste sind Geschenke an die Armen, also an uns Thailänder, wie jeder weiß, denn ohne Geschenke wäre jedes Fest sinnlos. Speziell zu Kissmät kann ich Dir nur erklären, daß es etwas mit "k i s s" zu tun haben muß, weil es ja so heißt. Also sind meine Gegengaben zahlreiche Küsschen, für jeden Baht eines" entgegnet Nid "und, wenn ich zufrieden bin, rufe ich danach, für Dich speziell, noch ein dreifach kräftiges

     "Mary Kissmät".

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