| Spare in der Zeit!
von Khun Krut Emil kommt aus einem Land, das hoch auf der nördlichen Halbkugel dieser schönen Erde liegt. Es gibt dort, so ungefähr, 6 Monate Wachstum in der Natur. In den anderen 6 Monaten gönnt sie sich eine Pause. Folglich haben sich die Bewohner des Bereichs daran gewöhnt, in der Zeit des Wachsens und Reifens, Vorräte für die kalte Jahreszeit anzusammeln. Emils Mutter stellte Apfelringe her und fädelte sie zum Trocknen auf. Entkernte Zwetschgen dörrten in der Sonne. Kartoffeln wurden eingekellert. Marmelade stand in Regalen. Sauerkraut stank im Vorratskeller leise vor sich hin. Im Winter gab es Griesbrei mit Dörrobst oder Kartoffelbrei mit Sauerkraut. Mutter legte für jedes Kind ein Sparbuch an. Am Kassenschalter stand: "Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not." Vater verdrehte den Spruch und höhnte: "Spare in der Not, dann hast Du Zeit dazu", fütterte aber ebenfalls die Sparschweine der Kinder. Kamen die vertrocknete Tante Alma und der vornehm tuende Onkel Hypolit-Agamemnon zu Besuch, wurden flugs die Sparschweine hervorgekramt um - zusammen mit der Ermahnung zur Sparsamkeit - verwandtschaftlich gefüttert zu werden. Die Eltern tadelten scheinheilig: "Kinder, ihr dürft nicht betteln" und beäugten gleichzeitig, wachsam-wohlwollend, das eingeworfene Kleingeld. Danach kam das sattsam bekannte: "…und wie sagt man"? worauf Emil und Geschwister pflichtschuldig eine scheues "Dankeschön" hauchten. "Schon recht", sagte Onkel Hypolit und "vernascht es nicht". Somit war klargestellt: Geld ist da, um gespart zu werden. Es dient der Vorsorge für schlechte Zeiten oder dazu, langfristig gesteckte Ziele in zehn oder mehr Jahren - vielleicht - zu erreichen. Jetzt lebt Emil in einem Land ohne Winter. Reife Mangos hängen schwer an langen Stielen und gleichzeitig blühen die Bäume, um für die nächste Ernte vorzusorgen. Bananen reifen üppig, Pick-ups fahren voll beladen durch die Straßen, bieten per Lautsprecher ganzjährig Obst und Gemüse an und sind schon wieder einen Häuserblock weiter, so daß auch der nächste Anbieter Platz hat. Jedes dritte Haus beherbergt einen "Nudelshop" und bietet Mahlzeiten für lächerlich wenig Geld. Thaidamen unterhalten sich mampfend, sprechen vollmundig über gar trefflichen Gaumenkitzel, verbrennen sich, mit gemahlenem Chili, Zunge, Geschmackswarzen, Mundhöhle, Speisetrakt und was der genußsüchtige Leib sonst noch braucht zum Leben, wischen sich Schweißtropfen von Stirn und Oberlippe, versichern, nach Luft hechelnd, es sei überhaupt nicht zu scharf und überlegen, was sie als nächstes essen wollen und wie sie auch ihre Männer, mit scharf gewürzten Köstlichkeiten, zu wilden nächtlichen Eskapaden aufmuntern könnten. Vertrocknete Zwetschgen hingegen, finden nicht das geringste Interesse. In diesem gesegneten Land, dient das Geld der Gewinnung von Lebensfreude. Geld bewegt sich, fortwährend fließend, von Hand zu Hand, kennt keine Pause, keine Ruhe, kein Verharren. Ruhendes, rastendes Geld würde sich, einem Damm vergleichbar, vor den Spaß, die Freude und den Genuss legen und somit jegliches "Sanuk" verhindern. Eine gräßliche Vorstellung, dem Selbstmord vergleichbar, weil Leben ohne Freude (und Geldausgeben zu deren Gewinnung) nicht lebenswert wäre. Emil versucht krampfhaft, übernommene, erlernte, eingeübte Werte zu retten. Er spricht über Kapitalanlagen, Zinsen, Aktien und Wertpapiere, Altersvorsorge, Arbeitsunfähigkeit, Siechtum, Armut und Kosten für schwere Operationen. Emil freut sich über den Kursgewinn des Baht, der vor 17 Jahren, als Emil erstmals Thailand betrat, beim Umtausch 7 Baht pro Mark brachte und jetzt pro halbem Euro schon mehr als das Dreifache ergibt. Eine Verzinsung, die vermutlich keine Kapitalanlage erreicht, sagt Emil, stolz auf seine Rechenkünste. Nid meint dagegen, sinngemäß, die Preise seien noch stärker gestiegen und Emil fabriziere da eine "Milchmädchenrechnung". Gegen Sparen zur Bildung gemeinsamer Rücklagen und Kapitalanlagen, sei im Grunde nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil, meint Nid, doch dürfe die Reservebildung keinesfalls durch Emils alleinige Bankguthaben stattfinden, sondern müsse in Form von massiv-goldenen Ketten, Ohrgehängen, Fingerringen und Armreifen für Nid erfolgen, die dann, im Falle einer Notlage, durch Verkauf, zur gemeinsamen Verfügung stünden. Es komme ja nicht von ungefähr, gibt Nid ergänzend zu verstehen, daß das Goldgewicht in Baht festgelegt wird, woraus hervorgehe, daß durch den Umtausch von Bargeld in Gold, kein Verlust entstehen könne. Emil versucht, Nids Gedankengängen zu folgen und runzelt die Stirn, erst halb überzeugt. "Wem willst du denn dein Sparbuch zeigen"? bohrt Nid weiter. "Wer soll dich darum beneiden? Nein, deine reich geschmückte Frau Nid sollst du den neidischen Nachbarn und Nids Freundinnen vorführen, goldbehangen, zum sichtbaren Zeichen deiner großen Liebe, wie es sich für einen reichen Farang gehört. Daraus entsteht Sanuk für uns beide", sagt Nid "und aus meinem anfänglichen Wohlwollen für dich, erwachsen, Baht für Baht, steigende Sympathie und Vertrauen, Zuneigung und letztendlich echte, ständig anschwellende Liebe. Die angenehmen Folgen für dich, sind meine Liebesbeweise, unsere Lustgewinne und somit eine reiche Verzinsung deiner Investition, durch keinen Zinssatz der Welt aufzuwiegen". So sieht es Nid. Vielleicht hat sie recht? Emil könnte jedenfalls mal - völlig unverbindlich - darüber nachdenken, meint Khun Krut
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