| Otto und das soziale Netz
von Khun Krut Es gibt in Thailand sehr viele Leute, die sind so reich, daß ihr Vermögen Ottos Vorstellungskraft weit überfordert. Manchmal sieht er sie in superteuren Luxusautos vorüberrauschen, wenn er an der Autobahn mit seinem Moped auf eine Verkehrslücke wartet. Würden diese Superreichen jedem Isaan-Mädchen, das an der Bar seine unbeschreibliche Armut bejammert, eine Million abgeben, sie würden den Aderlass gar nicht spüren. Es gibt nur ein Problem dabei: Diese begüterten Thais pflegen weder Umgang mit Otto noch mit Barmädchen aus dem Isaan, so daß man ihnen solche Vorschläge leider nicht machen kann. Wenn sie nur wüssten, wie arm ihre Landsleute dran sind, sie würden bestimmt teilen wollen! Aber wer soll es ihnen sagen? Otto ist für notleidende Thaidamen leichter zu erreichen. Schon bei seinem ersten Barbesuch wurde hellseherisch festgestellt, daß Otto ein gutes Herz hat. Das verpflichtet natürlich, und Otto gab auch gleich ein fürstliches Trinkgeld, seinem guten Herzen angemessen. Wie oft hatte er früher darunter gelitten, daß man seine edlen Charakterzüge nicht erkannte. Jetzt endlich, elftausend Kilometer Luftlinie von der Heimat entfernt, fühlte man sein wahres Wesen. Das tröstet, versöhnt, öffnet Herz und Geldbeutel. Kann man superreiche Thais schon nicht zum Teilen überreden, wäre es ersatzweise gut, man hätte ein staatlich geschaffenes und betrieblich gefördertes soziales Netz in Thailand, mit Krankenversicherung, Sozialfürsorge, Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe, Erziehungsjahr, Pension, Rente, Urlaubsgeld, Weihnachtsgratifikation und 13. Monatsgehalt. Das arme Mädchen aus dem Isaan weiß zum Glück wenig oder gar nichts darüber, ist nur höchst erstaunt, wenn sie erfährt, daß es Menschen gibt, die Geld erhalten obwohl sie nicht arbeiten. Otto könnte nun seine Zeit damit vertrödeln, etwas über Versicherungsbeiträge und -leistungen zu erklären, hat es auch ansatzweise schon versucht, aber dann doch lieber noch ein Bier bestellt. Sein einziger Erfolg war lediglich der immerfort wiederkehrende Satz vom reichen Farang und den armen Thais.
Kinder können die Schule nicht besuchen, der Bruder kann die Motorrad-Rate nicht bezahlen, das Dach kann nicht repariert werden, Reispflanzen und Dünger können nicht gekauft, Maschinen nicht eingesetzt, Zäune nicht gezogen, Palmen nicht gepflanzt werden, wenn Otto nicht unverzüglich einspringt. Tränchen werden zerquetscht, ewige Treue gelobt, Händchen gedrückt und Küsschen getauscht, wenn Otto erkennen lässt, daß sein weiches Herz zu zerfliessen beginnt. Ein Besuch bei den dankbaren Eltern ist angesagt, ein Brautgeld üblich, ein großes Dorffest bringt Spaß, Ehre und Bewunderung, ein Verlöbnis mit Buddhas Segen ist angeraten, damit das arme Mädchen nicht ins Gerede der Dorfgemeinschaft kommt. Otto bezahlt und ist der Größte. Otto kauf' dir Garn und knüpfe fleißig weiter am sozialen Netz. Der Bedarf wird nie enden und das Netz immer zu klein sein. Aber dein Glück wird wachsen und gedeihen, bis zu dem Tag, an dem du sagst, jetzt kann ich nicht mehr zahlen und jetzt ist Schluß. Dann kommt das Ende der Fahnenstange, und da steht geschrieben: Bitte nicht weiterklettern. Otto, flieg' heim und flüchte in die Arbeit oder in das gute deutsche
soziale Netz! Spare fleißig, komm' übers Jahr wieder. Neue
soziale Großtaten harren deiner! Trauere nicht um eine verlorene
große Liebe. Dein gutes Herz wird wieder Freunde finden. Du mußt
nur wieder flüssig sein, um begehrt und nicht überflüssig
zu werden!
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