| Otto auf Freiersfüßen und
die Trickliste für Liebestolle von Khun Krut Otto kam neu nach Pattaya. Otto war kein Dummerle, er hatte Lebenserfahrung mitgebracht. Otto begab sich auf die Suche nach Kennern der Szene, nach Beratern, nach Informanten, nach Personen mit Pattaya-Erfahrung, die ihm Lehrgeld ersparen könnten. Otto wollte Fehler, die andere gemacht hatten, vermeiden. Auch suchte er nach einer Thai-Lebensgefährtin, was einigermaßen schwierig war, denn er sprach selbst-verständlich noch kein Thai, sein Englisch war mäßig, und selbst mit den Zimmermädchen des Hotels konnte er sich nur per Zeichensprache verständigen. Er hatte im Vorübergehen eine holde Maid entdeckt, die sein Herz entflammte. Nun brauchte er ganz dringend den Berater, Kenner, Übersetzer, Instruktor. Irgendein Scherzbold verwies ihn an mich. Ich bin von Natur aus einigermaßen hilfsbereit, bekomme aber Angstzustände, wenn ich darum gebeten werde, mich in Liebesbeziehungen Dritter ordnend einzuklinken. Denn die Erfahrung hat mich gelehrt, daß die Vernunft bei Verliebten ausgeschaltet ist. Ich gehe davon aus, daß dies naturgewollt ist, weil sich ansonsten die Menschheit wohl nicht vermehrt hätte. Bei nüchternem Verstand würde wohl kaum jemand seine Freiheit opfern und nächtliches Babygeschrei absichtlich in Kauf nehmen, um sich um den wohlverdienten Schlaf zu bringen. Ein geistig Ungetrübter würde sich die alte, keifende, künftige Schwiegermutter seiner Liebsten aufmerksam betrachten und sich klarmachen, daß sein holder Engel genau in deren Fussstapfen wandeln und in 18 Jahren genau so aussehen wird. Sollte ich dahingehend warnend beraten? Einen Verliebten? Absolut sinnlos. Leute, die vor Jahrzehnten mich beraten wollten, hatten ja auch keinen Erfolg, sondern wurden als Glücksverhinderer eingestuft. Bei meiner Suche nach einem Ausweg aus der sinnlosen, aber oft geforderten Beratungsqual, verfiel ich auf die Idee, das zu Papier zu bringen, was Neulinge in Pattaya in ihrem Liebeswahn eventuell übersehen könnten. Ich hatte die absurde Vorstellung, auf Reste von Nüchternheit zu stoßen, die zum Nachdenken bewegen könnten. Oh, ich eitler Tor! So schrieb ich beispielsweise den Inhalt der Trickliste auf, mit welchen Liebestolle an den Bars umgarnt, beschwichtigt und hinters Licht geführt werden. Ziffer 5 meiner Warnungen lautete etwa so: "Die Barmaid wird dir erklären, sie sei keineswegs eine solche, gehe einem streng ehrbaren Beruf nach. Rein zufällig sei sie heute an diese Bar gekommen, um eine Freundin aus ihrem Heimatdorf zu besuchen, diese sei aber leider noch nicht erschienen. Daraufhin habe ihr der Chef der Bar oder die Mamasan angeboten, auf ihre Freundin hier zu warten, sie bis zum Eintreffen zu vertreten und - gegen Langeweile - ein bisschen beim Ausschank zu helfen und mit den Gästen zu plaudern. Nie und nimmermehr würde sie mit einem Gast mitgehen, keinesfalls habe sie das jemals getan oder auch nur in Erwägung gezogen. Allerdings würden gerade jetzt diese, ihre unum-stösslichen Grundsätze ins Wanken geraten, weil sie unerwartet dir begegnet sei, dem Mann ihrer Träume, dessen Anblick sie wie Blitz und Donnerschlag getroffen habe . . . Die Liste meiner Warnungen überreichte ich Otto und wähnte, damit sei meine Beratungspflicht erledigt und ich glimpflich davongekommen. Dem war aber nicht so. Otto rief mich tags darauf an, lobte meine schriftlichen Ergüsse als hilfreich und flehte mich an, ich möge doch einmal dieses göttliche Wesen in Augenschein nehmen, das er an einer Bar kennengelernt hatte. Er beklagte seine mangelnden Sprachkenntnisse, habe keine Verständigungsmöglichkeiten, bitte nur dringend ein paar seiner Fragen und ihrer Antworten zu übersetzen. Ich Trottel ließ mich tatsächlich erweichen. Otto wollte von seinem Engel natürlich wissen, warum er ein so feines, keusches Mädchen an der Bar getroffen habe. Nun kam exakt die Antwort aus Ziffer 5 meiner Warnungen aus ihrem bezaubernden Mund: Sie war tags zuvor erst nach Pattaya gekommen, hatte sofort eine Stelle als Handwerkerin angenommen, wollte lediglich ihre Freundin besuchen usw. usw. Ich ersparte mir die Einzelheiten, sondern bat Otto, er möge nochmals Ziffer 5 nachlesen. Dort sei die Antwort bereits exakt festgehalten. Otto machte ein Gesicht, als habe man den Erzengel Gabriel mit Schmutz beworfen und dessen Gefieder mit Unrat bekleckert. Er entließ mich höchst ungnädig und sprach fortan nur noch herablassend mit mir, wenn es sich überhaupt nicht vermeiden ließ. Seiner Herzallerliebsten hat er inzwischen ein kleines, trautes Heim gebaut. Sie brachte ihre Kinder samt Sippe in die Ehe ein. Und ich hoffe, alle lobpreisen täglich den Herrn, der bewirkt hat, daß meine Ratschläge ihr Glück nicht verhinderten. Ob Otto irgendwann der Gedanke kommen wird, es wäre vielleicht doch
besser gewesen, wenn . . . (?) Ich weiß es nicht, wünsche ihm
und seiner grossen Sippe im kleinen Häuschen das Allerbeste und habe
mir (schon wieder) vorgenommen, künftig sinnlose Beratungen in Liebesdingen
zu vermeiden.
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