Leise rieselt der Schnee

von Khun Krut

     "Familien-Bande" riefen Emil an Weihnachten zurück nach Deutschland. "Halb zog es ihn, halb sank er hin..." Nid hatte Verständnis, konnte das Geschäft, gerade um diese Zeit, nicht sich selbst überlassen. Emil flog allein.

     Es war kalt in Deutschland aber zum Trost gab es eine weiße Weihnacht. Emil fühlte sich in kindliches Behagen zurückversetzt, war aber, in Gedanken, auch oft in Thailand. Irgendwie fühlte er sich zerrissen zwischen den beiden Welten und seinen Gefühlen.

     Wenn Emil in Gedanken in Thailand war, dachte er sich die Geschichten aus, die er - zurück aus dem kalten Deutschland - erzählen würde. Vom Schneeschippen wollte er berichten, von schlingernden Autos, von Schneeballschlachten und vom Schneemann, den er gebaut und fotografiert hatte. Nur das Thai-Wort "Schnee" fehlte in seinen gedachten Übersetzungen. Es gab da, in seinem Gedächtnis, nur "Nahm-Käng", also "hartes Wasser" sprich "Eis". Für das Wort "Schnee" schien der Bedarf in Thailand zu fehlen. Er hatte dieses Wort in Thai nie gehört. Emil würde das ändern.

     Endlich zurück, im Land seiner Sehnsucht, schaute Emil gleich ins Wörterbuch, um seinem Bericht die nötige weiße Farbe verleihen zu können. Da stand: "Schnee = Hima" und Emil grub es sich ins Gedächtnis ein. Emil stellte sich, erwartungsfroh, die offenen Münder der staunenden Bar-Belegschaft vor, eilig betrat er die Bar und bald fanden sich genügend Zuhörer ein, die Emils Bericht lauschen wollten. Wenig später war er beim knietiefen Schnee angelangt. Jetzt kam ihm sein neues Thai-Sprach-Wissen zugute.

     Allerdings hatte im Wörterbuch nicht gestanden, man müsse die Silben "hi - ma" für Schnee sehr kurz aussprechen. Mit weit ausladenden Armbewegungen und lang gezogenem "Hiii-Maahh" wollte Emil die Höhe und Weite des Schnees verdeutlichen. Das brachte einen nicht enden wollenden Lacherfolg bei den ZuhörerInnen. Emil war enttäuscht.

     Unter Prusten erklärte ihm die Belegschaft, langgezogenes "Hii - mahh" bedeute "Hundeloch" und nicht etwa "Schnee". Auch bei beträchtlichen Schneehöhen, müsse "Hima" kurz und zackig ausgesprochen werden, so wie bei "Hima-laia". Hat vermutlich auch was mit Schnee zu tun, dachte Emil und hatte wieder etwas dazugelernt. Es fiel ihm jetzt auch ein, daß die Damen an der Bar, in bösen Zusammenhängen, dieses "Hiii" ausstoßen und somit wurde ihm gewahr, daß auch Thai-Damen fluchen können. Wer hätte das gedacht!

     Auf das in den folgenden Tagen oft gehörte, fröhlich-lauernde "Emil, erzähl' von Germany" fiel Emil jedenfalls nicht mehr herein. Die Geschichte verbreitete sich ohnehin, zu seinem Mißfallen, über den Bar-Bereich hinaus, und sorgte noch tagelang für Heiterkeit in Emils Umgebung. Er war drauf und dran, seine Bemühungen um das Erlernen der Thaisprache über Bord zu werfen.

     Nid versuchte zu trösten und aufzuheitern. "Schau", sagte sie versöhnlich, " sorge dich doch nicht so sehr um die Feinheiten der Thai-Sprache, du kannst doch ganz zufrieden sein, hast in Thailand, auch ohne umfassende Kenntnisse unserer Sprache, mit meiner Hilfe, ein kleines Vermögen gemacht", wobei sie ihre Bar liebevoll betrachtete. "Richtig" erwiderte Emil unwirsch," aber nur, weil ich ein größeres Vermögen mitbrachte, das du, meine liebe Nid, gekonnt auf deine Seite gezogen und auf meiner Seite somit zu einem "kleinen Vermögen" gemacht hast". Nid meinte dagegen, das seien Haarspaltereien. Ein liebender Gatte müsse stolz auf seine Liebste sein, wenn sie geschäftstüchtig ihr Vermögen vergrößere und dürfe nicht kleinlich Anteile der Ehegatten auseinander rechnen. "Was dein ist oder war, ist auch mein", schloß Nid ihre Betrachtungen und fügte scheinheilig-ernsthaft hinzu, Emil müsse auch seine Ersparnisse für Heizöl in seine Überlegungen mit einbeziehen, weil in Thailand glücklicherweise der "Hiii - Maah" fehle. Emil versuchte, sie zu erhaschen aber sie war schneller und entschwand kreischend im Hinterzimmer.

     Emil bestellte zum Trost einen Campari auf Eis und die Barmaid schluckte ihre Frage, ob auch ein bißchen Hiih - Maah dabei sein dürfe, tapfer lächelnd hinunter, weil Emil drohend schaute. Dann wollte sie, prustend, ebenfalls ins Hinterzimmer entweichen, aber Nid, Schlimmes ahnend, hatte bereits den Riegel vorgeschoben.

     Emil mochte das Gedudel der Weihnachtslieder fortan nicht mehr hören. Fotos schneebedeckter Tannenbäume sind ihm jetzt ein Gräuel. "Alles nur Geldmacherei", sagt Emil, "paßt sowieso nicht nach Thailand".

     Nur Nid wagt es noch, ihn manchmal zu necken und singt leise vor sich hin:

     "Leise lieselt del Snee..."

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