Saugnapf-Lemminge

von Khun Krut

     Nid wundert sich über die Verschiedenartigkeit der Menschen. Emil erklärt, dass jeder Mensch die Erbanlagen seiner „naturgeschichtlichen Entwicklung“ in sich trage, beispielsweise drei übereinander gelagerte Hirnbereiche aus seiner Zeit als Fisch, Reptil und Säugetier. Ein menschlicher Embryo sehe genau so aus, wie ein Fischbaby, sagt Emil und jede Tierart habe entwicklungsgeschichtlich irgendeine Spur beim Menschen hinterlassen.

     Nid meint, vermutlich sei durch die Fischspur auch Emils enormer Bedarf an Flüssigkeit, hauptsächlich an Bier, zu erklären. Oder seine feucht glitschigen Stielaugen, die er bekomme, wenn eine Kurzberockte vorüberhüpfe, seien vermutlich durch Schnecken-Gene entstanden.

     So stimmt das nicht, erwidert Emil. Die tierischen Eigenschaften werden bei Menschen wie ihm, ja durch den Geist im Zaun gehalten, und ihn beunruhige einfach nur, dass manche Thailänderin so gar nichts im Sinn habe, mit dem durch die Regierung angestrebten Schutz der thaifraulichen Würde. Nid prustet verhalten.

     Wesentlich näher liege in Thailand der Vergleich mit den Lemmingen, meint Emil. Diese Tiere würden sich, aus unerfindlichen Gründen, irgendwann zusammen scharen, um dann, zielstrebig, gemeinsam den Tod zu suchen. Der Überlebenswille, sonst allen Geschöpfen eigen, komme Thailändern, lemmingartig, total abhanden, wenn sie, beispielsweise an hohen Feiertagen, alle gemeinsam auf Reisen gehen, um dabei zu Hunderten oder zu Tausenden den Tod oder wenigstens eine beträchtliche Verletzung zu suchen und zu finden. Die Erfolgsrate liege dabei mindestens doppelt so hoch wie in Deutschland. Gemessen an der Zahl der Menschen und Autos, sogar beim Vierfachen. Man könne dieses widernatürliche Lemming-Verhalten aber auch im Straßenverkehr beobachten, wenn thailändische Verkehrsteilnehmer, unbelastet von jedem Unterricht in einer Fahrschule, durch den Verkehr rasen als seien sie mutterseelenallein auf dieser Welt. An Zebrastreifen, weltweit als Überlebens-Chance für Fußgänger respektiert, versuche man sogar, ganze Gruppen von vertrauensseligen Ausländern mit in den Tod zu zerren. Halte ein Fahrzeug vor dem Zebrastreifen an, vielleicht von einem Ausländer gesteuert, dem dies in Europa oder sonstwo anerzogen wurde, verlocke dies die wartenden Fußgänger zum Betreten der Sicherheitszone, worauf rechts und links andere Fahrzeuge mitten durch die Gruppe brettern. Der möglicherweise unverletzt bleibende Straßen-Überquerer, trage dann zumindest einen heilsamen Schock davon und erinnere sich nur noch mit Todesangst an seine Zebra-Vorfahren.

     Nid meint, Emil müsse aber auch von den Saugnäpfen einiger Meeresbewohner etwas mitbekommen haben. So habe sie zumindest dann den Eindruck, wenn er gelegentlich nächtens an ihr klebe und auch durch den Hinweis, dass sie jetzt schlafen wolle, nicht abzuschütteln sei.

     Richtig, sagt Emil. Saugnapf-Relikte müssen es auch sein, welche Nid veranlassen, Emils Brieftasche zu umklammern und zwar immer dann, wenn es darum gehe, dem thai-chinesischen Grundstückseigentümer die Pacht für die Bar zu bezahlen. „Ist doch kein Wunder“, erwidert Nid. „Die Pacht sollte durch den Bierverkauf aufgebracht werden, was aber nicht möglich ist, wenn Emil das Bier im Eigenverbrauch vernichte, um in sein entwicklungsgeschichtlich nasses Fisch-Element zurück zu gelangen. Möglicherweise spielten dabei auch die ein– und zweihöckrigen Tiere eine Rolle, die sich, vor dem Durchqueren der Wüste, eine Reserve an Flüssigkeit ansaufen. Das könnte man dann bei Emil als entwicklungsgeschichtliches Angst– und Vorratssaufen ansehen“.

     Emil meint, wie dem auch sei, Nids Argumente seien zwar nicht überzeugend, zeigten aber immerhin, dass sie seine Erklärungen im Kern verstanden habe und jeder Fortschritt, der in Thailand durch das Wirken eines Farang erzielt werde, sei ja farangseitig zu begrüßen.

     „Was mich dabei immer wieder überrascht“, sagt Nid, „das ist, dass du bis in die graue Vorzeit hinabtauchen kannst, und mit den Affen von Ast zu Ast hüpfst, nur um deine Unarten zu begründen und zu entschuldigen. Jetzt haben wir also herausgearbeitet, dass an deinen Sauftouren, Stielaugen und Saugnäpfen nicht mein wortgewandter Emil die Schuld trägt, sondern die Meeresbewohner, Schnecken, Kamele, Dromedare und ein Tintenfisch.

     „Gut“, sagt Emil, „Nid, du bist ein kluges, williges und lernfähiges Kind“, nun sei wenigstens so einsichtig, und räume ein, dass die Gene der lebensmüden Lemminge eine wesentliche Rolle spielen, wenn du oder deine Brüder und Schwestern, sich in den Straßenverkehr begeben“.

     „Einverstanden“, sagt Nid. „Ich werde an mir arbeiten und in Zukunft noch stärker als bisher versuchen, deine entwicklungsgeschichtlichen Belastungen, für die du ja nicht selbst verantwortlichen bist, sondern die Natur, einerseits, sowie meine Lebensfreude und meinen Willen zu überleben, andererseits, unter einen Hut zu bringen“.

     „Brav“, sagt Emil „und jetzt hol mir bitte noch ein Bier. Der Fisch will schwimmen“.

     „Du hast doch gerade einen Rinderbraten vertilgt“, sagt Nid. „Du könntest doch auch, entwicklungsgeschichtlich näher liegend, sagen:

     „Nid, hol` mir noch ein Bier, der Ochs will saufen!“

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