Emil, der Gelehrte

von Khun Krut

     Wie die ganze Geschichte genau und im einzelnen ablief, kann oder will Emil heute auch nicht mehr sagen. Knackpunkt war jedenfalls dieses unbeschreiblich süße Lächeln, das ein hübsches Mädchen ihm schenkte. Und seine Frau Nid war weit.

     Ehrlich: Emil hat weder sich noch Nid vergessen. Er konnte nur einfach dieses holde, vielversprechende Wohlwollen nicht übersehen. Emil ist auch nur ein Mensch. Wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein!

     Es kam zu einem netten Beisammensein mit intimem Wortgeplänkel, ja sogar zu einem flüchtigen Händchenhalten und anderen scheuen Berührungen. Emil war wieder 18 Jahre alt. Wonneschauer liefen über seinen Körper. Gänsehaut bei 30 Grad im Schatten! Und von Minute zu Minute ließ sie ihn mehr und mehr glauben, daß insbesondere der erhebliche Altersunterschied ihre Sinnlichkeit entfacht und ihre Liebe emporlodern läßt. Emil glaubte. Und Nid war weit.

     Dann, wenig später, als der Gipfel der Seligkeit schon in Sichtweite kam, wurde das arme, gerade noch so lebensfrohe Ding, zusehends trauriger, Trübsal umflorte ihren Blick, Tränchen drangen aus ihren Lidern und ihr glockenhelles Lachen erlosch. Zittern und Beben wogten durch ihren jungen Körper, rüttelten Emils Hilfsbereitschaft und Beschützerinstinkte wach. Sein erschrockenes Mitleid brach sich Bahn, er war ganz Teilnahme und so faßte sie Mut und berichtete Emil vom kranken Mütterlein.

     Da wurde Emil schlagartig hellwach. Diese Geschichte war ihm nun wirklich sattsam bekannt und er konnte sogar die Heilungskosten, schon vor der Nennung, beziffern.

     "Dein Mütterlein ist doch jetzt, Dank der staatlichen Fürsorge, versichert und muß keinesfalls 30.000.-Baht bezahlen, um zu überleben," wandte Emil ein.

     Der feuchte Glanz im Mädchenauge erlosch augenblicklich. Sie raffte ihre Siebensachen zusammen, schleuderte Emil ein wild erzürntes "RUHMAHG" entgegen und war schon aus der Tür.

     Emil fühlte sich, in seiner Rolle als beratender und helfender, ehrenamtlicher Sozialarbeiter, gründlich mißverstanden. Was sollte er denn falsch gemacht haben?

     Emil suchte Aufklärung in seinem "Thai - Deutschen Wörterbuch". Da stand unmißverständlich zu lesen, ein "Ruhmag" sei ein vielwissender Gelehrter.

     Was sollte nun daran schlecht sein? Warum wurde ihm dieses Kompliment so verbiestert ins Gesicht geschleudert? Weshalb waren Gelehrte in Thailand derart verachtenswert? Emils Weltbild wankte erheblich.

     Oh, wie gut war es, daß es Nid gab. Emil flüchtete umgehend in ihre Arme, suchte Trost und Rat, der ihm auch zuteil wurde.

     "Streng genommen, sei ein Ruhmahg, im wörtlichen Sinn, gewiß ein Gelehrter", erklärte Nid. Diese Bezeichnung werde jedoch heute eher in einem negativen Sinn verwendet, tadle den Bescholtenen als üblen, verachtenswerten Alles- und Besserwisser, der deshalb, genau dort, wo man auf sinnverwirrte Gutgläubigkeit angewiesen sei, recht ungern gesehen werde. Gerade in gewissen Kreisen, sei nun eben mal der Glaubens- und Zahlungsbereite gesucht und lieber gesehen als der erfahrene Vielwisser.

     "Und weil ich weiß, daß es so ist", sagte Nid, "muß ich meine Fantasie nicht überanstrengen, um zu ergründen, wer dir diesen moralischen Tiefschlag beigebracht und dich aus der Bahn deiner sonst so überheblichen Einbildung geworfen hat. Dein schuldbewußtes Gesicht sagt mir, mit aller Deutlichkeit, daß du dich von einer Expertin hast einwickeln lassen und nur mit Mühe und Not davongekommen bist. Sei versichert, lieber Emil", fuhr Nid fort, "du bist tatsächlich alles andere als ein vielwissender Gelehrter. Es hat wohl eine Zeit gegeben, in der wir Thailänder die Bezeichnung "Ruhmahg" in ihrem echten, ursprünglichen Sinn verwendet haben. Dann aber müssen uns wohl ein paar Trottel deines Kalibers über den Weg gelaufen sein und die Sinn-Umkehrung bewirkt haben".

     "Man wird ja wohl noch fragen dürfen", sagte Emil.

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