Arbeiten oder ein Fest machen
von Khun Krut

     Emil gerät in Harnisch, wenn seine Nid billiger einkauft als er, wenn sie für den halben Preis Taxi fährt und wenn er sich verstecken muß, bis seine Nid die billigeren Thai-Eintrittskarten für das "Flaschen-Museum" gekauft hat.

     Emil hält das für eine Herabsetzung, die er seiner rosa Hautfarbe zuschreibt. Er kann dann langatmige Vorträge über die Gleichwertigkeit aller Rassen halten, eine Überzeugung, die er sich, vor nicht allzu langer Zeit, neu angeeignet hat.

     Nid sagt sinngemäß: "Emil du siehst das, total verbiestert, aus völlig falscher Farang-Perspektive, wogegen wir Thais das alles nicht so eng und jedenfalls total anders auslegen. Ursache der Fehl-Einschätzung ist euer Hang zum Perfektionismus, eure sture Zielstrebigkeit, euer Unvermögen, Kompromisse einzugehen, eure Gleichmacherei. Schon euer Wort 'arbeiten' ist eindeutig langweilig, sieht nach krummem Rücken und Stirnfalten aus. Bei uns heißt es 'tam ngarn' und das bedeutet sowohl 'tätig sein' als auch 'ein Fest machen'. Also: Etwas schaffen und Freude haben gehen bei uns Hand in Hand. Die Folge aus eurer Sicht: Der Farang ist leistungsstärker, zahlungskräftiger, finanziell überlegener, mit Fug und Recht stolz auf seine Zahlungsfähigkeit. Thais dagegen sind zwar fröhlicher, aber zu bedauern, weil ihnen der nötige Bimbes fehlt. Sei's drum" , meint Emils bessere Hälfte.

     Nid holt tief Luft und fährt fort: "Und jetzt kommen wir zum Kern der Sache: Jeder Thai-Kassierer erkennt, schon rein äusserlich, die finanzielle Überlegenheit eurer kraft- und geldstrotzenden Stammeszugehörigkeit und würdigt eure überragende Arbeitswut, Vorsorge, Sammelleidenschaft und Kapitalreservebildung durch eine entsprechende preisliche Einstufung. Taxifahrer und andere Kassierer hielten es für beleidigend, einem Farang den geringen Geldbetrag abzunehmen, den ein Thai, als Sozialtarif, bezahlt. Jede Forderung, die man an euch Farang stellt, ist folglich als Kompliment an eure Finanzkraft gedacht und von euch entsprechend zu honorieren. Ein sattes, zusätzliches Trinkgeld, nicht mit schwerer Hand, sondern mit freudiger Lässigkeit überreicht, treibt die Wertschätzung, die man euch zollt, in astronomische Höhen. Es ist eine Fehleinschätzung und böse Unterstellung", faßt Nid zusammen, "anzunehmen, Thais würden Farang über den Tisch ziehen, ausnehmen oder gar übervorteilen. Mitnichten", sagt Nid, "verstehe doch endlich, lieber Emil, daß es sich bei jedem überdimensionalen Preis, den man euch abnimmt, um nichts weiter als eine lobenswerte Anerkennung eurer monetären Potenz handelt. Anstatt jedoch mit freudigem Stolz zu reagieren, spielt ihr die Beleidigten."

     "Ach so", sagt Emil kleinlaut, "Ja, wenn das so ist . . . ", und er schämt sich gar sehr, ein Moped gekauft zu haben, um sich nicht mehr über Taxifahrers vermeintliche Unver-schämtheit ärgern zu müssen.

     Hätte er nur Nid früher kennen gelernt, alles wäre klarer und einfacher gewesen. Aber auch Emil lernt, auf seine alten Tage, permanent dazu.

     Nid sei Dank!

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