Anstandsregeln
von Khun Krut

     Es war vielleicht falsch, daß Emil seiner Nid so manches aus deutschen Büchern vorgelesen hat. Nid hat leider ein sehr gutes Gedächtnis und zitiert das Gehörte jeweils an Stellen, die Emil sehr unpassend erscheinen.

     So soll Emil beim nächsten Besuch im Isaan, wo Nids Eltern wohnen, die einheimischen Speisen nicht mehr verschmähen, sondern einsehen, daß sie gut, sauber und nahrhaft sind. Nid erklärt, Seidenraupen würden ausschließlich mit sauberen Maulbeerblättern gefüttert, später ausgiebig gekocht, seien sehr nahrhaft und mit Sicherheit zu schade um sie, nach dem Abwickeln der Seide, einfach wegzuwerfen. Aber Emil schüttelte sich nur und Nid zitiert, leicht abgewandelt aus dem "Struwwelpeter":

     "Ich esse meine Raupe nicht, nein meine Raupe ess' ich nicht..."

     "Sind keine Raupen sondern Puppen" meint Emil, "aber vor Puppen ekelt mich genau so, z.B. vor Ameisenpuppen, die ihr aus den Bäumen schüttelt oder vor Heuschrecken."

     Und Nid wieder:
"Ich esse meine Puppe nicht, nein meinen Heuschreck ess' ich nicht....."

     Dann klagt Nid:
"Woher soll ich denn im Isaan Sauerkraut und Schweizer Käse nehmen, wenn du plötzlich Lust darauf bekommst? Und sag' nicht immer, daß du dies und jenes ablehnst und mach' kein angewidertes Gesicht dazu, sondern sag', wie es sich, nach unseren Anstandsregeln gehört, daß du schon gegessen hast". "Aber wenn es doch nicht wahr ist", erwidert Emil. "Wir Germanen sind es nun einmal gewohnt, immer die reine Wahrheit zu sagen und lehnen es ab, zu lügen, nur um niemanden zu kränken".

     "Sicher?", entgegnet Nid, "euer Dichter Wilhelm Busch reimt doch vom zierlichen Betrügen. Du kennst das Gedicht auswendig, sag es mir noch einmal!" Emil zitiert, soweit es ihm noch erinnerlich ist:

"Wer möchte diesen Erdenball
Noch fernerhin betreten,
Wenn wir Bewohner überall
Die Wahrheit sagen täten.
Ihr hießet uns, wir hießen euch
Spitzbuben und Halunken
Wir sagten uns fatales Zeug
Noch eh wir uns betrunken...
...Da lob' ich mir die Höflichkeit,
Das zierliche Betrügen,
Du weißt Bescheid, ich weiß Bescheid,
Und allen macht's Vergnügen."

     "Siehst du, lieber Emil", triumphiert Nid, "du hast mir erklärt, dieser Philosoph habe tief in die deutsche Seele geblickt. Was versteht ihr denn unter "höflichem, zierlichem Betrügen? Die reine Wahrheit?"

     "Das darf man nicht immer alles so eng sehen", meint Emil. Dann tritt er zum Gegenangriff an, setzt sein überlegenes Lächeln auf, das Nid so verabscheut und sagt:

     "Wenn wir gerade bei den Anstandsregeln sind, will ich dir mal vorhalten, was ich über das richtige Verhalten der braven Thaifrau, übersetzt aus den Thai - Verhaltensregeln für gute Ehefrauen, gelesen habe. Ihr habt nämlich auch eure Dichter und einer, namens Sunthon Phu, schreibt euch Thaifrauen sinngemäß vor, ihr sollt nicht so provozierend mit eurem Hintern wackeln, sondern euch schreitend bewegen, euren Busen nicht wogen lassen, nicht mit den Fingern durchs Haar fahren, keine Gespräche suchen, nicht herumschauen, schon gar nicht nach Männern, niemals um Männer buhlen, sondern nur den Gatten lieben." Weiter sagt euer verehrter Dichter: "Ihrem Gatten hat die Thaifrau ehrerbietig und unterwürfig zu begegnen. Sie hat zu seinen Füßen zu knien, wenn er ins Bett geht, sie faltet dabei ihre Hände, um ihn zu ehren. Dann massiert sie ihn, damit er keine Schmerzen hat. Ist er mit ihren Diensten zufrieden, darf auch sie schlafen gehen. Am Morgen steht sie früh auf und bereitet das Bad des Gatten vor. Wenn er ißt, bleibt sie in seiner Nähe, damit er nicht laut rufen muß, wenn er etwas braucht. Die Frau wartet bis der Mann satt ist und fängt erst dann an zu essen...

     Und nun, liebe Nid, warte ich, bis du das alles, vollinhaltlich, lückenlos und dauerhaft beachtest. Sobald dieser Idealzustand erreicht ist, werde ich im Isaan Raupen, Puppen, Käfer, Ameiseneier und Heuschrecken essen, alles gewürzt mit Fischsoße und einer grauen Paste, die für meine Nase gräßlich stinkt. Dazu werde ich entzückt lächeln und allen Zuschauern erklären, wie köstlich es mir schmeckt. Wirst du nun also, so frage ich dich ernsthaft, diese thailändischen Anstandsregeln, ab sofort, gewissenhaft befolgen?"

     "Nun ja", haucht Nid, "es stimmt schon, daß es so in den alten Regeln steht. Aber wie du, lieber Emil, in deiner lobenswerten Großzügigkeit, schon richtig gesagt hast":

     "Das darf man nicht immer alles so eng sehen".

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