Angucken
von Khun Krut

     Nid hat bald Geburtstag. Sie möchte mit Emil ins Kaufhaus gehen. Nur so zum Gucken. Emil traut dem Frieden nicht. Er umkrampft seinen Geldbeutel und folgt Nid nur widerstrebend. Nid beschwichtigt: "Wirklich nur so zum Schauen, ich kann Schönes mit großer Freude betrachten, ohne es besitzen zu wollen".

     Zunächst probiert sie Elefantenschuhe mit Leuchtstreifen. Emil sagt: "Kannst du haben, wenn du mindestens 20 Meter Abstand von mir hältst". "Unsinn", sagt Nid, "würde ich nie tragen, will nur mal schauen, wie sie mir stehen". Emil sagt: "Das ist ein Kaufhaus. Wenn es nach dir ginge, müßte es Schauhaus heißen".

     Nid wühlt in der Unterwäsche. Nur zum Angucken. Ob die Farben zu ihr passen und so. Emil ist es peinlich.

     "Hör mal", sagt Nid, "ich gehe jetzt zu den Kleidern, da brauche ich länger, und weil es dich langweilt, kannst du gehen und ein Bier trinken". "Gut", sagt Emil, "such' dir was Schönes zum Geburtstag aus". Aber Nid will nur mal so "rumgucken".

     Sie treffen sich nach zwei Stunden wieder. Nid hat ein traumhaftes Kleid gesehen, knöchellang, tailliert, mit Spitzenkrägelchen, in einem duftigen Rosa. "Warum kaufen wir es nicht?" fragt Emil. Aber Nid will es keinesfalls haben, viel zu teuer, direkt aus Paris. Nid erlebte eine große Freude bei der Anprobe. Das war ihr genug. Nid will nicht besitzen, nur Freude beim Schauen empfinden - sagt sie.

     Auf Nids Frage erklärt Emil, er habe an einer offenen Bar ein Bier getrunken. "Du warst an keiner offenen Bar", sagt Nid. "Du riechst nach Tabakrauch, also warst du in einem geschlossenen Raum." Emil räumt ein, er sei in einer A Gogo gewesen, nur so zum Schauen. Nid ist schwer eingeschnappt. Sie schmollt: "Wenn du dir schamlose Mädchen anguckst, wirst du wohl auch den Wunsch verspüren, sie besitzen zu wollen".

     Emil bestreitet das, erklärt, daß es ihn eher belustigt hat zuzuschauen, wie diese Geschöpfe sich an Stangen festhalten, damit sie nicht aus ihren Elefantenschuhen kippen, wie sie immer die gleichen Bewegungen machen, egal ob da jetzt ein Twist oder eine Rumba aus den Lautsprechern brüllt, wie er sich vorgestellt hat, alle Stangen gleichzeitig verschwinden zu lassen, um die Mädchen, nach der Art von Dominosteinen, übereinander purzeln zu lassen.
A Go Go

 

 

 

 

 

 

 



     Nid kann gar nicht lachen. Und Emil beteuert immer wieder, daß es ihm doch nur um das Schauen ging und keinesfalls um das Habenwollen. Das glaubt ihm Nid nie und nimmermehr! Emil ist verunsichert, schuldbewußt, macht sich Vorwürfe, überlegt, wie er den Schaden wieder gutmachen könnte.

     Zum Geburtstag trägt Nid ein traumhaftes Kleid. Knöchellang, in Rosa, tailliert, mit Spitzenkrägelchen, letzte Mode aus Paris, sündhaft teuer aber von umwerfender Wirkung.

     "Man gönnt sich ja sonst nix", sagt Emil.

zur Startseite der Homepage